Das Wochenende

Das Wochenende in der Nachkriegszeit war eine Zeit der Ruhe und der Besinnung. Zwar mussten die meisten Menschen bis Samstag mittag noch arbeiten, aber dann gehörte die restliche Zeit der Familie.

Am Samstag Vormittag gingen die Mütter mit den Kindern in die Stadt oder besser gesagt: Sie gingen im Viertel einkaufen. Nein, so wie auf dem Foto sah die Hohe Straße in Köln in meiner Kindheit zwar nicht mehr aus. Es gab schon wieder viele neue Geschäfte dort, die aber für die allermeisten unerschwinglich teuer waren.  

Meistens ging es nur zum Bäcker um die Ecke, zum Milchgeschäft oder zum Metzger. Echten Bohnenkaffee und "Büchsenmilch", wie wir zu Kondensmilch oder Kaffee-Sahne zu sagen pflegten, gab es nur beim Bäcker und beides war für damalige Verhältnisse sehr, sehr teuer. Mehr dazu weiter unten!

Unsere Milchkanne bestand ebenso aus verzinktem Blech wie unsere Badewanne sowie unsere Eimer und Kessel und war auch aufgrund ihres Alters ebenso zerbeult. Aber die Milch, die im Geschäft in diese Kanne gepumpt wurde, war so lecker, wie man es sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Nach wenigen Stunden bildete sich oben auf der Milch stets eine dicke Rahmschicht, die uns Kindern noch besser schmeckte als die Milch selber.

Für uns Kinder gab es beim Metzger immer eine 2 oder 3 cm dicke Scheibe Fleischwurst umsonst. Das war für uns mit das Schönste am ganzen Samstag. Supermärkte gab es in meiner frühen Kindheit gar nicht oder jedenfalls kaum. Den ersten, den ich gesehen habe, war 1957 eine Filiale der Firma Cornelius Stüssgen AG. 

Am Samstag nachmittag wurde gebadet. Nicht in einem Badezimmer, sondern in einer verzinkten Blechwanne, die in der Küche oder in der Waschküche aufgestellt. wurde, an heißen Sommertagen für uns Kinder manchmal auch auf dem Hof. Dabei gab es stets eine ganz bestimmte Reihenfolge, nämlich zunächst die Mutter, dann der Vater und zuletzt die Kinder. Das Wasser wurde auch nicht immer komplett ausgewechselt, sondern meist nur ab und zu durch heißes Wasser aus einem Blecheimer wieder erwärmt, welches vorher in dem Eimer auf dem Herd erhitzt worden war.  

Badefreuden      um 1954

Am Abend spielten die Eltern mit ihren Kindern. Manchmal kamen auch Nachbarn oder Verwandte zu Besuch, aber der eigentliche Besuchstag war in aller Regel der Sonntag. Jedenfalls klingelte kein störendes Telefon, denn Telefone gab es für die allermeisten Menschen im Nachkriegsköln noch nicht. Das Familienleben wurde auch nicht durch Fernsehprogramme unterbrochen, denn auch das Fernsehen war zwar schon erfunden, aber noch 1955 kannte kaum jemand eine Familie, die so einen Wunderapparat besaß. 

Am Sonntag zog man sich "die Sonntagssachen" an und nahezu alle Familien gingen morgens in die Kirche, meistens natürlich nicht in den Kölner Dom, sondern in die eigene Pfarrei im Veedel, also in dem Stadtteil, in welchem man wohnte.   

     

Nach dem Mittagessen (sonntags gab es auch schon einmal Fleisch)  ging es zu Fuß oder auch mit der KVB (der Kölner Straßenbahn) ins Grüne oder aber zu Familienangehörigen.

Echten Bohnenkaffee gab es ohnehin nur am Sonntag. In der Woche tranken die Erwachsenen meist nur den sogenannten "Muckefuck", einen Ersatz für Kaffee aus gebranntem Getreide. Der absolute Marktführer war übrigens Kathreiners Malzkaffee: 

Aus heutiger Sicht mag dies nach bitterer Armut und einem äußerst unglücklichen Leben klingen. Ja, arm waren wir schon, aber eben nur an materiellen Dingen. Doch unglücklicher als heute waren wir ganz bestimmt nicht! Eher im Gegenteil! Die Menschen hörten einander zu und jeder hatte für den anderen Zeit.

Ich erinnere mich noch gut an jenen denkwürdigen Samstag, als ein oder zwei Jahre später der erste Pkw in unserer Straße parkte. Es war ein Opel und er gehörte einer Familie in dem 10-Parteienhaus, in welchem wir wohnten..

Fortan hatte diese Familie nicht mehr viel zu lachen, denn im ganzen Haus wurde nur noch schlecht über sie geredet. Für mich war es der Tag, an welchem ich als Kind in den Augen der Nachbarn zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie Neid entdeckte. Bis dahin hatten immer alle zusammengehalten und jeder war stets für den anderen da.

Von jetzt auf gleich war alles anders geworden. Nicht nur, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben erfuhr, was Neid ist! Genauso schlimm für mich war, dass ich mit meinem Freund, dem Sohn dieser Familie, am Wochenende nicht mehr draußen Fußball oder in den Trümmergrundstücken spielen konnte. Denn immer, wenn ich bei ihm klingelte, trat irgendwann die Nachbarin aus der Wohnungstür und sagte: "Die sind gerade wieder mit ihrem Wagen weggefahren!" - So gesehen, war das erste Auto in unserer Straße die erste wirklich große Enttäuschung in meinem Leben!

Helmut, geb. 18.2.1950


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