Das Büdchen

 "Das Büdchen" gehört zu Köln wie der Dom und der Rhein. Büdchen sind kleine Geschäfte, welche besonders außerhalb der Ladenschlusszeiten für die kölsche Kommunikation geradezu lebenswichtig sind. Sie sind unverzichtbare Relikte der Tante-Emma-Läden. Nichts ist so alt wie Zeitung von gestern. Wer über den allerneuesten Stand der Dinge in seiner Straße informiert sein will, kommt am Büdchen einfach nicht vorbei - oder eben besser doch!

Die meisten Büdchen in der Domstadt werden inzwischen von unseren "ausländischen" Freunden in Form von Familienbetrieben geführt. Aber ob türkische, italienische oder griechische Büdchen, - ihre Inhaber tragen nur  ausländische Namen. In ihrem Herzen (wenn nicht schon von Geburt an) sind sie Kölner allererster Güte, ohne welche unsere Stadt ziemlich arm wäre.

Unser Gastredakteur Wolfgang Figgen, Lehrer an der Katholischen Hauptschule Großer Griechenmarkt in Köln und Leiter der dortigen Hänneschen-Gruppe, hat es sich nicht nehmen lassen, uns und Ihnen aus seiner Reihe "Briefe aus der Provinz" die folgende Analyse des kölschen Büdchens zu schenken:   


 Beim Jannis ahn d´r Eck jitt et Koletsch [1]

 Ich kauf noch nachts ein – da, wo rot-weiß das Marlboro Logo leuchtet. Ich muss nicht - wie andere Menschen in der Provinz - nachts, wenn die Sucht kommt, ins Auto und zur Tankstelle. Wir Kölner besuchen dann, wenn die Öffnungszeiten ihrer Wortbedeutung zum Hohn werden und die Sucht zur Qual wird, unsere Büdschen – geschrieben mit „ch“ –   aber bitte – die Aussprache!

 

Jeder hier hat sein eigenes Büdschen – sein persönliches. Da wissen wir, wo alles steht, alles hat seine Ordnung, Veränderungen fallen sofort unangenehm ins Auge und viel sprechen müssen wir auch nicht.

D´r Will, d´r Jannis, d´r Mustafa, die wissen, was wir brauchen und wir  kriegen alles, wie wir es brauchen. Zwei kalte Mühlen – Kölsch – ohne Pfand, Zigaretten und ein Tütchen Lakritz – in genau der richtigen Zusammenstellung aus 10 Gläsern zusammengesucht bitte – wie immer. Nachts um 12 – man kennt sich, man hilft sich. Gesprächsstoff ist erstens der FC, zweitens der FC, dann die untere Hälfte der ersten Seite vom Express, oder, wenn gar nichts mehr geht – das Wetter oder "Un wie jeht  et  Jeschäff?" Und dann wieder von oben in der gleichen Reihenfolge, bitte schön.

    

Jedes Büdschen ist anders. Keines gleicht dem anderen. Die Türken-Büdschen haben am längsten geöffnet, beim Italiener ist es meistens voll und laut, die deutschen Büdschen haben Öffnungszeiten, die anderen nicht.

Auch unterschiedliche Namen haben die Büdschen, damit jeder direkt weiß, wo er dran ist. Kleine Lädschen heißen „Trinkhalle“, und sind nur fenstergroß. Sie haben Namen wie alle Eck – Kneipen „Beim Jupp“, haben ihren Namen vom FC „FC – Kiosk“ oder heißen nach dem Bläck – Fööss Büdschenlied: „Kaffeebud“; Sie nennen sich „Video – Kiosk“, oder einfach so wie der Besitzer „Imran“.

Die einen verkaufen Brötschen, die anderen Wein, der eine hat alles, was es an Zeitungen und Zeitschriften gibt, der nächste eine Mords – Gefriertruhe und nur ein paar Häuser weiter  kannst du in lecker Kamellen schwelgen. Es gibt ganz kölsche Büdschen, da läuft immer die WDR Brauchtumsquetsch [2] und ganz exotisch – asiatische „Kim“, du findest den Griechen mit einem Stuhl und einem kleinen runden Tisch davor und einem Ouzo drauf oder Anatolien “Hürriyet“ oder Sizilien, mit einem Italiener drin, im Unterhemd, dem klassischen, wo oben die Brusthaare draus raus pelzen. Es gibt winzigenge, kleine Räumchen, wo du aus Solidarität an Klaustrophobie mit leidest, manche sind finstere Kaschemmen, andere neonhell grell. Nicht alles ist legal – auch unterhalb der Ladentheke floriert das Geschäft.

Büdschen sind Oasen und Inseln des Wohlbehagens. Das klönnte am Sonntagmittag um 14 Uhr sein, wenn Papa in Filz und Unterhemd nach dem Mittagessen schnell auf ein Fläschelschen Kölsch vorm Küchendienst desertiert. Da steht dann schon d´r Pitter und d´r Fuss [3]. Da wird dann schwadroniert, lamentiert, gehadert und analysiert. Alles Fremde, Andersartiges wird argwöhnisch fixiert, beurteilt und in die Schubladen der Welt des Viertels sortiert. Da bleibt dann nicht mehr allzu viel von vielbesungener Toleranz und Weltoffenheit. Hier, ein Quadratmeter ums Büdschen rum, ist diese Großstadt ein kleines Dörfchen.

„Isch bin ens evvens nohm Büdsche!“[4] – So mancher soll mit diesem letzten Gruß dann sang- und klanglos aus dem Familienleben verschwunden sein. Einige vorübergehend, andere für immer – so geht die Mär.

Kinder kaufen dort ihr Schulfrühstück, in manchen Büdschen kriegen sie Zigaretten einzeln, hier werden sie bemuttert, dort bedenkenlos bedient. Büdschen verkaufen Schnaps an Minderjährige und Postkarten an Touristen.

Fehlt´s an Zwiebeln, Salz oder Zucker? – kein Problem. Büdschen sind Tante Emma – Lädschen, - umzingelt von Einzelhandelsketten und Inbegriff dessen, was der Kölner sein Veedel [5] nennt. Zum Büdschen gehört selbstverständlich noch die Kneipe, die Stammkneipe – doch davon später. Ich muss jetzt mal eben zum Büdschen!

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[1] „Beim Jannis an der Ecke gibt es Lakritz“ – das reißt keinen vom Hocker, ist aber bedeutend für die Befindlichkeit des Kölners.

[2] Quetsch ist ein Instrument, das an Henkeln vorm Bauch getragen wird. Der Spieler zieht es auseinander und „quetscht“ es wieder zusammen. Auf diese Art wird die Luft ähnlich wie bei einer Orgel in Töne umegedudelt. Unerlässlich für kölsche Brauchtumsmusik und kölsches Wohlbefinden. Einfach  - eine Ziehharmonika.

[3] Fuss: fussig, ein Mensch mit rotblonden Haaren, vielen weißen Pigmenten in der Haut, und einem pelzartigen Bewuchs auf der Haut unterm Unterhemd.

[4] „Ich gehe eben mal zum Büdschen!“ Abschiedsgruß vieler Kölner aus eng werdenden familiären oder partnerschaftlichen Verhältnissen.

[5] Das Veedel ist der bauchnabelgroße Bereich, in dem der Kölner wohnt. Hier heraus zu kommen ist kaum oder nur in Ausnahmefällen möglich, hier herein zu kommen genau so.
 


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